-
Das Kreuz mit dem Datenschutz
Posted on September 5th, 2010 4 commentsIn regelmäßigen Abständen regen sich Datenschützer (egal ob selbsternannt oder beamtet) über die die diversesten Eingriffe von Politik, Regierungsorganisationen oder privaten Unternehmen in die Privatsphäre des normalen Bürgers auf. Und Gründe, über die man sich echauffieren kann, gibt es genug: Flugdaten von EU-Bürgern die an das US-Heimatschutzministerium übermittelt werden, SWIFT-Geldflüsse, die zur Terrorüberwachung ebenfalls an US Regierungsorganisationen übermittelt werden, Daten die auf der E-Card gespeichert werden, die Google-Street-View Diskussion in Deutschland oder auch die allerorts spürbar zunehmende Anzahl an Überwachungskameras.Und obwohl ich die Hinweise auf die Bedenklichkeit vieler dieser Dinge befürworte, so finde ich die Diskussion zum Thema Datenschutz pervertiert.
Warum pervertiert? Nun, während Datenschützer auf der einen Seite händeringend versuchen, auf die Gefahren für die Privatsphäre hinzuweisen und so mancher Verschwörungstheoretiker bereits den Orwell’schen Überwachungsstaat nahen sieht, geben just die Leute, für deren Privatsphäre man sich einsetzt, ihre eigenen, persönlichen Daten bedenkenlos der Weltöffentlichkeit Preis. Ob auf Twitter, Facebook, Xing, LinkedIn, StudiVZ – es werden fleissig Dinge über die eigene Person veröffentlicht, teilweise sehr intime Details. Kompromittierende Fotos werden auf Server irgendwo in der Internetwolke geladen, da nimmt man (unwissenderweiße) sogar in Kauf, dass man die Rechte an den Fotos verliert.
Man sollte sich nämlich vor Augen halten, dass das Internet nicht vergisst. Sobald persönliche Daten irgendwo auf einem Server gespeichert sind, ist es in der heutigen Zeit fast unmöglich, deren Weiterverbreitung zu kontrollieren. Und sobald ein Datenkrake wie Google einmal diese Daten indexiert hat, kann jeder danach suchen. Und selbst löschen der Daten hilft nichts, da die Daten zumeist nur logisch gelöscht werden, d.h. sie bleiben weiterhin gespeichert, werden aber durch technische Vorkehrungen nicht angezeigt.
Google CEO Eric Schmidt sagte vor einiger Zeit in einem Interview
“If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place.”
und das sagt so ziemlich genau, in welche Richtung der Zug fährt: totale Transparenz. Der so früher von Datenschützern so vielmals als Schreckensszenario beschworene “gläserne Mensch” ist heute Realität geworden. Schmidt legt noch nach, wenn er meint, dass “Geheimnisse für unanständige Leute” sind (Secrets are for filthy people). Das Recht auf Datenschutz, auf Privatsphäre wird so zu etwas Unanständigen stigmatisiert. Folgt man dieser Argumentation, ist die logische Schlußfolgerung, dass wer sich auf Privatsphäre und Datenschutz beruft, Dreck am Stecken haben muß. Das schlägt in die selbe Kerbe wie der hierzulande oft angewandte Spruch “Wer nichts zu verbergen hat, der hat auch nichts zu befürchten”. Eine ähnliche Vorstellung hat auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der in einem Interview meinte, das Zeitalter des Datenschutzes sei vorüber.
Dabei können die so unbedacht an die Öffentlichkeit weitergegebenen Daten für die verschiedensten Dinge verwendet werden, die vermutlich nicht im Sinne des Urhebers lagen. Es ist in HR-Abteilungen mittlerweile gang und gäbe, nach dem Namen von neuen Bewerbern zu googlen. Fotos die einen sturzbetrunken, am Boden herumkugelnd auf der letzten Studentenparty zeigen, können schnell der Karriere einen Knick verpassen, bevor sie überhaupt begonnen hat.Und der neue Boss könnte auch Ressentiments gegen jemand haben, der einen Ziegelstein mag… Unbedachte, unkontrollierte Retweets (Retweets sind das neuerliche Posten von Twitterposts/Tweets) können bei der Twittergefolgschaft für Irritationen sorgen. Ich finde es immer wieder faszinierend, auf den Profilen meiner Facebook Freunde Informationen über deren sexuelle Vorlieben zu finden – das ist umso irritierender, wenn man jemanden privat schon länger kennt und darüber nichts wußte.
Aber es gibt noch zusätzliche Gefahren durch die Freizügigkeit mit persönlichen Informationen in sozialen Netzen: wenn man ständig der Welt mitteilt, was man gerade tut und wo man gerade ist, kann man sich zum perfekten Opfer für Kriminelle machen. Wer stolz bekanntgibt, dass er jetzt drei Wochen auf Urlaub fährt, darf sich nicht wundern, wenn er die Wohnung bei Rückkehr von Einbrechern ausgeräumt vorfindet. Und nette Spielereien wie Foursquare oder Gowalla am Handy erlauben die Erstellung von detailierten Bewegungsprofilen (abgesehen dass die Statusmeldungen im Twitterfeed einfach nur nerven). Diese Informationen sind da, jemand, der sich auskennt, braucht also nur zuzugreifen. Apropos Foursquare und Sicherheit: bis vor wenigen Wochen wurden Benutzername und Passwort bei Foursquare unverschlüsselt übermittelt. Mit den richtigen Werkzeugen also kein Problem, an diese Daten zu kommen. Und geht man davon aus, dass der Durchschnitts-User die selbe Benutzername/Passwort-Kombination öfters verwendet, ist es für Kriminelle nicht schwer, Zugriff zu den persönlichsten Daten von Benutzern zu erhalten.
Wie soll man also reagieren? Totale Verweigerung von sozialen Netzwerken ist in der heutigen Zeit schwer und kann auch kontraproduktiv sein. Wenn ich nur bedenke, wie viele nette Leute ich über soziale Netzwerke kennengelernt habe, die ich vermutlich sonst nie kennengelernt hätte. Und auch meinen gegenwärtigen Job habe ich den Sozialen Netzwerken zu verdanken.
Soziale Netzwerke sind nicht per se schlecht oder gefährlich. Wenn man überlegt mit den Daten, die man öffentlich zur Verfügung stellt, umgeht, hat man schon einmal viel gewonnen. Auch gehört ein gewisser Respekt vor diesen neuen Technologien dazu und das Bewußtsein, dass einmal gesagtes/geschriebenes/fotografiertes permanent ist und nicht mehr ungeschehen werden kann.
Im speziellen möchte ich folgende Tipps geben:
- Machen sie sich mit den Privacy-Einstellungen ihres sozialen Netzwerks vertraut. Die meisten großen Anbieter bieten detailierte Einstellungen, welche Informationen sie von sich preisgeben wollen (bei Facebook kann man beispielsweise steuern, welche Daten öffentlich aufrufbar, und welche nur von ihren Freunden eingesehen werden können). Benutzen sie diese Privacy-Einstellungen auch und überprüfen sie diese regelmäßig auf Richtigkeit
- Akzeptieren sie keine Freundes-Anfragen von Personen die sie nicht kennen. Sie geben ja auch nicht einer x-beliebigen Straßenbekanntschaft ihre Telefonnummer und Adresse.
- Geben sie keine Details von sich Preis, von denen sie nicht möchten, dass sie in die Öffentlichkeit kommen. Überlegen sie sich auch, ob es Sinn macht, ihre sexuelle Orientierung, ihr Weltbild, ihre politischen Ansichten zu veröffentlichen. Es ist nicht immer ein Vorteil, wenn man ein offenes Buch ist.
- Deaktivieren sie Geo-Location-Services auf ihrem Smartphone. Moderne Geräte wie das iPhone erlauben detailierte Einstellungen, welche Apps auf GeoLocation-Services zugreifen dürfen. Verzichten sie auf Services wie Foursquare. Muss wirklich die gesamte Welt wissen, wo sie gerade sind und was sie gerade tun?
- Überlegen sie, bevor sie etwas posten, tweeten oder ein Foto hochladen. Das Internet vergisst nichts und einmal gesagtes bleibt gesagt.
- Verwenden sie ein starkes Passwort, mit mindestens 8 Zeichen (Zahlen und Buchstaben, evtl. Sonderzeichen) und verwenden sie unterschiedliche Passwörter für unterschiedliche Netzwerke.
- Überlegen sie sich genau, welchen Facebook-Gruppen sie beitreten. Mann kann so ein ziemlich genaues Profil über ihre Interessen und Vorlieben erstellen.
- Benutzen sie einen g’sunden Menschenverstand beim Umgang mit diesen sozialen Medien.
4 responses to “Das Kreuz mit dem Datenschutz”

-
Think before you post!

Guter Artikel, der einerseits auf die Mündigkeit der BürgerInnen hinweist und andererseits nicht nur die Gefahren der Social Media hinweist, sondern auch die positiven Seiten erwähnt.Das Thema ‘Nähe’ bzw. mit Menschen, die man (neu) kennengelernt hat, kommt mir persönlich ein wenig zu kurz. Das war’s aber dann schon mit der Negativkritik.
-
Martin September 8th, 2010 at 09:11
Hallo Nattl,
ich finde die Diskussionen keineswegs pervertiert, wie es zu Beginn deines Posts steht.
Du musst dir dazu die in Frage kommende Gruppe anschauen. Die Datenschutzdiskussionen beziehen sich hauptsächlich um zentralisierte Einrichtungen, die mit diesem Datamining wesentlich mehr Unheil anrichten können, als es ein Foto bei Facebook machen kann. Da geht es darum, dass eine Person, auch wenn sie noch so vorsichtig ist, keine Möglichkeit hat, diesen Wahnsinn zu stoppen. Und dieses Datamining umfasst nun wirklich alle, und kann von einzelnen Personen auch nicht beeinflusst oder gestoppt werden.
Ob man dann als Privatperson so stockdeppert ist, und ein Photo ins Netz stellt, auf dem man in seiner eigenen Kotze liegt, wö des so leiwand is, bleibt wirklich der Person selbst überlassen.
Dennoch ist es auch hier wert, die Leute darüber aufzuklären, was sie betreiben. Nicht jeder (oder eher sehr wenige), der vor Tastatur und Monitor sitzt, hat das Wissen darüber, was mit den Daten passiert, und dass das Internet nicht vergisst. Das muss ihnen immer wieder vor Augen gehalten werden. Viele lassen sich von den Versprechungen dieser Dienstbetreiber (Facebook und dgl.) einlullen und glauben ja tatsächlich, dass das schon gelöscht wird oder streng vertraulich behandelt wird.
lg,
Martin
Leave a reply


brainstorming September 5th, 2010 at 13:43