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Das Unwort des Jahres: Empörung
Posted on December 21st, 2011 No commentsNachdem ja alle zum Jahresende diverse Jahresrückblicke machen oder Wörter, Unwörter und sogar Sager des Jahres küren, möchte ich hier natürlich nicht zurückstehen und ihnen heute meinen persönlichen Favoriten für das Unwort des Jahres präsentieren. Dieses ist eindeutig das Wort Empörung und alle damit in Verbindung zu bringenden Redewendungen.
Bevor Stéphane Hessel mit seinem Heftchen “Empört Euch!” den Zustand der Empörung zur höchsten Tugend für den politisch interessierten Bildungsbürger gemacht hat, war das Wort Empörung ja beinahe schon aus dem deutschen Sprachraum verschwunden. Höchstens bei der x-ten Wiederholung der TV-Zeichentrick-Serie Heidi konnte man das Fräulen Rottenmeier hören, wie sie empört dem Bauerngör Heidi die Leviten las. Das sollte sich mit dem Heftchen von Hessel ändern.
Heute gibt es nichts, aber auch gar nichts, über das man sich nicht empören kann. Sei es über die Reaktionen beim Wurstsemmelweitwurf, über unbedachte Social Media-Entgleisungen einer Privatbahn, über Aussagen von Politikern, Reden von Kabarettisten zum Thema Wutbürger, unangenehme Blogposts — für jeden ist das passende dabei.
Und das ist ja auch verständlich. Denn Empörung ist gesund, verpflichtet zu nichts und kostet fast nichts. Um genau zu sein EUR 3,99 bei Amazon. Dabei braucht man das Essay von Hessel gar nicht gelesen zu haben, um beim Empören voll dabeizusein. Ein handelsüblicher PC oder ein Smartphone und Internetverbindung sind alles was man braucht und schon gehts los.
Das Web 2.0 bietet unzählige Möglichkeiten, wie man alles über die aktuell angesagte Welle der Empörung erfährt und sofort mitmachen kann. Ob im unter einem Pseudonym im Forum einer Qualitätszeitung, auf Twitter, Facebook oder gar am eigenen Blog — der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt, wie man seine Empörung öffentlich zum Ausdruck bringt.
Und diese Empörung wird sofort belohnt: man ist Teil einer Gruppe, die sich bereits einig ist, dass es etwas gibt, das es lohnt, sich darüber zu empören. Zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens trägt die Empörung auch bei, schließlich und endlich hat man doch einen Standpunkt, den man vertreten hat. Und viele andere geben einem dabei recht und klopfen virtuell auf die Schulter.
Das Beste ist aber, dass die Empörung zu nichts verpflichtet. Der durchschnittliche Empörte im Web 2.0 hat eine Aufmerksamkeitsspanne, die geringer ist als die eines acht Wochen alten Kätzchens. Schließlich und endlich gibt es so viele Dinge, über die man sich empören kann, dass man nicht lange bei einem Thema verweilen darf. Dadurch werden auch keine weiterreichenden Handlungen notwendig, heute ist man gegen Atomkraftwerke, morgen gegen den Walfang. Und in zwei Wochen? Wer weiß denn schon, worüber man sich in zwei Wochen aufregen wird.
Die wenigen, die über die reine Onlineempörung hinaus gehen und spontan aber ziel- und planlos etwas besetzen, denen wird von den anderen auf die Schulter geklopft, es gibt ein paar Facebook-likes und gut ists… Sind doch so viele andere Dinge, die auf dieser Welt verbessert werden müssen.
Freilich ist es nur opportun, sich über die richtigen Dinge zu empören. Denn die gesunde Empörung muss immer von aus tiefstem Herzen kommender Political Correctness getragen und dem freiwilligen Denkverbot des urbanen Bildungsbürgers unterworfen sein. Denn ist sie das nicht, so kann sich der Zorn der Empörten binnen weniger Augenblicke auf einen selbst richten.
Und ist die Kacke wirklich einmal am dampfen, hat man sich wirklich einmal über das Falsche empört ists nicht weiter schlimm. Denn der Facebook-Kommentar und der Tweet sind schnell gelöscht, der falsche Artikel nur Mausklick vom Unlike entfernt, und ein Forumskommentar ist eh meist unter einem Pseudonym verfasst. Wichtig ist: keine Verpflichtung eingegangen zu sein, nicht auf eine Rolle festgenagelt zu werden.
So ist es nicht weiter verwunderlich, warum Politik und pöhse neoliberale “Märkte” mit uns machen, was sie wollen. Denn letztendlich ist von den selbsternannten Empörten keine ernsthafte Gegenwehr zu erwarten, die über Strafentfolgung auf Twitter oder entrüstete Kommentare in Online-Foren hinausgeht. Aktives Engagement, sich selbst in Position bringen und etwas verändern, sich selbst die Hände schmutzig machen, das ist nichts für den Bildungsbürger von Welt. Der Empörte ist nämlich weder dazu bereit noch dazu in der Lage.
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