• Ladenschluss!

    Posted on December 19th, 2011 Nattl 5 comments

    Trotz aller vom Himmel gefallenen Sonnen (Nordkorea) und geworfenen Wurstsemmeln (Wien) gibt es heute auch ein Thema, das uns viel mehr bewegen sollte: Ladenschluss und Sonntagsöffnungszeiten. Aktueller Anlassfall ist die Einrichtungskette Interio, welche ihre neueste Filliale am Westbahnhof die letzten Sonntage über geöffnet hatte. Das passt aber weder den Herrschaften vom Marktamt noch den Genossen Gewerkschaftern von der GPA. Deswegen wurde Interio jetzt angezeigt.

    Denn es ist ja klar, in Österreich will niemand nach 19.00 einkaufen gehen. Es will auch niemand an Sonn- und Feiertagen einkaufen gehen. Das erklärt auch den Supermarktwildwuchs auf Großbahnhöfen sowie die zu Supermarktfillialen umfunktionierten Tankstellenshops — an manchen Feiertagen hat man dort das Gefühl, es wäre der Krieg ausgebrochen und die Menschen wollen letzte Hamsterkäufe tätigen. Der Billa am Praterstern engagiert an stark frequentierten Feiertagen sogar Securitykräfte, welche die Kunden nur in Wellen in das Geschäft lassen…

    Stimmt natürlich alles nicht, machen uns die Genossen weis, das sind Einzelfälle. Und auch die kerzelschluckerische Fraktion von den Christgenossen findet längere Ladenöffnungszeiten und Sonntagsverkauf überhaupt nicht interessant, weil da sollen doch die Familien in die Kirche gehen (oder so ähnlich).

    Als ich letztes Jahr nach langem Auslandsaufenthalt wieder nach Österreich zurückkam, musste ich mich erst wieder an die steinzeitlichen Ladenöffnungszeiten im Land der Hämmer gewöhnen. War ich kurz zuvor noch gewohnt, auch Sonntags um 21.30 problemlos meine Besorgungen zu erledigen, oder mir um 3.00 in der Früh eine Pizza zu bestellen, so musste ich mich hier wieder darauf einstellen, dass Samstag 18.00 Schluss ist mit dem Konsum.

    Es gibt viele Argumente, welche für liberale Ladenöffnungszeiten sprechen (Bedarf, Konjunkturmotor, mehr Jobs, mehr Auswahl… ) und praktisch keine sinnvollen, die dagegen sind. Es sei denn, man zieht das Ganze wieder in die Richtung Klassenkampf, jammert über die armen, ausgebeuteten Mitarbeiter, die dann praktisch gar keine Freizeit mehr haben… Aber es ist klar, in einem Land, in der Sozialhilfeempfänger in einer Diskussionssendung im Fernsehen ein Grundeinkommen von EUR 1.500,00 netto fürs Nichtstun fordern, in so einem Land ist kein Verständnis für liberalere Ladenöffnungszeiten zu erwarten.

     

    5 responses to “Ladenschluss!” RSS icon

    • Leider wieder einmal sehr polemisch, liebe Nattl. Es geht gar nicht so sehr um Ausbeutung, Freizeit usw.

      Aber: Wenn wir die Familie als Keimzelle der Gesellschaft definieren, wie das die bürgerliche Fraktion gerne tut und dem ich auch als Linker nicht wirklich ernsthaft widersprechen kann, dann müssen wir einfach akzeptieren, dass die Familie auch etwas gemeinsame Zeit braucht.

      Wenn dann die Kinder Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr in der Schule sind (so schaut nämlich die Realtität der “Halbtagschule” aus), Mama, aber von Mittwoch bis Sonntag von 9 bis 19 Uhr arbeitet, und Papa vielleicht von Dienstag bis Samstag, wundert es dann noch, wie so kranke Gesellschaften wie die US-amerikanische entstehen?

      Es gibt auch ein Leben außerhalb der Arbeit, so leistungsorientiert man auch ist. Und es ist legitim, dass man diese Zeit mit seinen Liebsten verbringen will, oder?

      Blicken wir der Realität ins Auge: Die meisten Menschen möchten eben nicht von Mindestsicherung leben, auch wenn das bequem erscheint. Und wenn der Arbeitgeber sagt, dass du am Sonntag arbeiten musst, wirst du dich in Zeiten wie diesen kaum zur Wehr setzen können.

      Aber abgesehen davon: Ich bin FÜR die totale Freigabe der Ladenöffnungszeiten für reine Familienbetriebe ohne Angestellte. Das wäre mal eine tolle Förderung für die nur noch spärlich vorhandenen Kleinbetriebe.

    • @Roman Korecky:

      Nun, blicken wir der Realität ins Auge. So sagt uns diese, daß es nicht nur Familienbetriebe ohne Angestellte gibt, denen am sonntag die Öffnung untersagt ist, es gibt auch jede Menge Alleinstehender ohne Familienanhang, die gegen entsprechende Entlohnung durchaus am Sonntag zu arbeiten bereit wären.

      In Irland beispielsweise (und das ist ein trotz allem immer noch »katholischeres« Land als Österreich) gibt es keine solchen Ladenschlußgesetze. Trotzdem haben die meisten Geschäfte zu — aber eben nicht alle! Einige sind als 24/76-Läden höchst erfolgreich unterwegs. Ich wohnte während eines Urlaubs einmal vis-à-vis eines solchen, und ich hatte nicht den Eindruck, daß dort Galeerensklaven an Ketten geschmiedet zur Arbeit gezwungen wurden. Und das war damals (in den 90ern) in den höchsten celtic-tiger-Zeiten.

      Warum soll sowas also in Österreich nicht möglich sein? Ganz davon abgesehen, daß es genug Berufe gibt, in denen Sonntagsarbeit ohnehin selbstverständlich ist: Spitalswesen, Gastronomie, Polizei, öffentlicher Verkehr, Taxis, Kultur etc. etc.

      Erklären Sie mir doch, warum die Philharmoniker sich zwar am Sonntag in den Frack werfen können, die Serviererin ihr Schüzchen umbindet, aber die Billafiliale zu haben muß …

    • @Roman nur damit ich es auch wirklich richtig verstehe.

      Sie sind also gegen die Liberalisierung weil es so familienfeindlich ist? Blenden dabei völlig aus, dass nicht alle Angestellten die jene Schichten zweifelsfrei schieben müssten auch tatsächlich Eltern sind.

      ABER auf der anderen Seite würden Sie gerne in reinen Familienbetrieben rund um die Uhr einkaufen gehen?

      Hab ich das so richtig verstanden? Kann es sein, dass sie voraussetzen, dass automatisch jeder Jugendliche der das Pech hat selbständige Eltern zu haben, die gottgewollte Pflicht auferlegt bekommt, jedes Wochenende im Betrieb der Eltern zu jobben. Es soll den Eltern aber verboten sein Fremde dafür zu bezahlen den Job zu erledigen?

      Möchten sie ihre Aussage angesichts des argumentativ dünnen Eises nochmals überdenken möchten?
      lg
      Sascha

      PS. Ich sah die von der Nattl erwähnte “Dame” damals im Fernsehen. Ich empfand die Forderung nach einem arbeitsfreien Einkommen von € 1.500,- als Affront gegenüber jedem arbeitenden Menschen in Österreich.

    • Sonntagsöffnung ist der Tod für gemeinsame Familienzeit für Handelsangestellte. Am Sonntag, das weiss jeder mit eigener Familie, gilt es endlich Zeit gemeinsam zu verbringen, was unter der Woche nur unter Hektik und kurz möglich ist. Zur Ruhe kommen gemeinsam.

      Ja es gibt Berufe, in denen Sonntagsarbeit notwendig ist, aber dafür haben sich diese Menschen

      1. Selbst verpflichtet

      2. sollte das auf Berufe beschränkt bleiben, wo es eben notwendig ist (es ist ein Notfallpatient auch am Sonntag zu behandeln, aber weil die Chips aus sind: Pech, aber kein Notfall)

      • ad 1) Ich wußte nicht, daß Handelsangestellte in ihren Beruf gezwungen werden und halte daher dieses Argument für Unsinn.

        ad 2) Wer bestimmt, was “notwendig” ist? Dürfen wir uns alle nur in Sack und Asche kleiden, nur trocken Brot und Wasser zu uns nehmen und nur ein gemietetes Zimmerchen mit einem Strohsack unser Heim nennen? Vom biologischen Standpunkt aus wäre mehr nicht notwendig…

        Ich akzeptiere selbstverständlich Freizeit, schon von der Bibel her, aber warum ausgerechnet für österreichische Handelsangestellte, die nicht in einem Touristenort (Wien ausgenommen) arbeiten, jeder Sonntag heilig sein soll, verstehe ich nicht.

        Tomj

        PS: Ich habe in meinem Berufsleben selbst oft genug am Wochenende gearbeitet. Manchmal gerne, manchmal weniger gerne, aber ein existentielles, familienbedrohendes Problem war es nicht (abgesehen von einigen Jahren bei einer großen österreichischen Bank, wo pro Jahr ca. 30-35 Wochenenddienste zusammengekommen sind – natürlich ohne Zeitausgleich unter der Woche (kann sich m.E. nur ein gewerkschaftsnahes Unternehmen erlauben) – aber ich bin halt eben nicht mehr dort, so gesehen…).


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