• Wie man eine Niederlage schönredet

    Posted on January 23rd, 2012 admin 10 comments

    Kroatien hat abgestimmt. Abgestimmt über die Zukunft des Landes, abgestimmt über einen Beitritt zur Europäischen Union. Schon die letzten Tage über haben mich die Rufe der frenetischen, aber unbelehrbaren Europaliebhaber genervt, nach Bekanntwerden des Ergebnisses des Votums nerven sie umso mehr.

    Die Presse titelt stolz: “Kroatien: ein Wendepunkt in unserer Geschichte”, der Standard meint “Große Mehrheit für EU-Beitritt”, der Kurier “Klares Ja zur EU”.

    Und auf erstem Blick scheint es ja auch ein eindeutiges Votum zu sein: 66,25 % haben für den Beitritt zur Union gestimmt. Was anfangs ein respektables Abstimmungsergebnis scheint, relativiert sich für jenen, der solche Dinge hinterfragt, ziemlich schnell.

    Denn die Wahlbeteiligung lag bei 43,67 % der Wahlberechtigten. Und berechnet man das Wahlergebnis von der Gesamtzahl der wahlberechtigten Bürger noch einmal, dann sieht das Ergebnis ganz anders aus. Denn 66,25 %  von 43,67 sind 28,93 (zum nachrechnen: 43,67 * 0,6625 — falls sie es nicht verstehen, lassen sie sichs von ihren Kindern, die gerade die Unterstufe besuchen, erklären). Und genau das ist der Prozentsatz der wahlberechtigten Bevölkerung, also 28,93 %, die tatsächlich mit JA für einen EU-Beitritt gestimmt haben. Über 70 % haben mit Nein  gestimmt oder haben keine eigene Meinung zur EU, sodass sie es gar nicht als wichtig erachtet haben, am Referendum teilzunehmen.

    Und somit sieht man wieder, was hier falsch läuft, in dem System, das wir Demokratie nennen: eine kleine, laute Minderheit diktiert der Mehrheit ihre Meinung. Denn wären solche Abstimmungen wirklich demokratisch, so müssten die Nichtwähler als Enthaltungen gezählt werden. Nur will das niemand, denn dann würden viele Abstimmungen schon an einfachen Mehrheiten scheitern. Deswegen berechnet man von einem Bruchteil der tatsächlichen Wahlberechtigten um aus einer Niederlage einen fulminanten Erfolg zu kreieren.

    Wundern sie sich also nicht, wenn in Kroatien nach einem allfälligen EU Beitritt die Pro-EU-Stimmung schon nach kurzer Zeit auf knapp über Null fällt — den letztendlich war ja auch nur etwas mehr als ein Viertel der Bevölkerung tatsächlich für den EU-Beitritt.

    Sie mögen mich jetzt für mein Rechenbeispiel hassen. Sie mögen mich als undemokratisch bezeichnen, sie mögen mir andere Namen geben, weil sie mit mir nicht übereinstimmen. Nur wird das nichts an der Tatsache ändern, dass wir in einer Traumwelt, gewoben aus Lügen, leben.

     

     

    10 responses to “Wie man eine Niederlage schönredet” RSS icon

    • Demokratie – kennst? Jeder darf, keiner muss – verstanden? Und, Abschlussfrage: Wärs dir denn anders lieber?

    • Also Deinen Punkt hier verstehe ich auch nicht ganz. Gibt auch in Österreich genügend Wahlen, zu denen nur sehr wenige Menschen gehen. Das ist imho weniger ein Problem der Demokratie als an unserer politischen “Elite”.
      Wer dagegen ist sagt nein, wer dafür ist ja – dem Rest ists scheinbar egal – also sollens auch damit leben.

      Es geht schon so recht wenig weiter in einer Demokratie. Würde man die Enthaltenen Stimmen auch noch “mitwerten” – na dann gute Nacht. Oder hast eine bessere Alternative?

    • Die Nichtwähler als Enthaltungen zu werten wäre jedenfalls demokratischer – und es käme der Wahrheit sicher näher als unser derzeitiges Wahlsystem.

    • Ich kann mich notch erinnern, dads man in Ö bei Bundespräsidentenwahlen wählen MUSSTE, sonst bekam man eine (Verwaltungs-?)Strafe.
      Kann mich aber nicht erinnern, das jemand beim Ende dieser Wahlpflicht vor dem Ende der Demokratie gewarnt hat….ist ja auch Blödsinn.

      So wie nie alle Teilnehmer eines sozialen Netzwerks was Posten werden, so werden nie alle Wahlberechtigten wählen gehen.

      Die Korrelation scheint auch stark mit “Scheiß drauf, ich hab eh a Playstation und a Auto” zusammenzuhängen. Vielleicht auch mit: “Scheiß drauf, die da oben machen eh was sie wollen” aber sicher nicht mit “Scheiß drauf, ich bin dagegen, deshalb geb ich meine Stimme nicht ab.”

      Demokratie und Wahlfreiheit schließen sich nicht aus und nicht alles was hinkt ist ein Vergleich.

    • @ Nattl,

      du solltest dir nach deinen Kampfsportlichen Wehrübungen wirklich eine mehrstündige Abkühlphase verordnen ehe du einen Blogpost schreibst;)

      Dass so viele Kroaten schon 20ig Jahre nach einem heftigen und brutalen Bürgerkrieg bereits auf die Demokratie pfeifen ist schlimm.

      ABER sie dürfen das. Genauso wie der politisch interessierte Anteil der Bevölkerung eben sein Recht wahrnimmt.

      Demokratie ist leider nicht perfekt, aber die Alternativen würden mich auch nicht gerade froh stimmen.

      lg
      Sascha

    • @Nattl, es würd´s leichter machen wenn du unrecht hättest;)

      Der Jammer ist, dass du bedauerlicherweise Recht hast. Nachdem du uns allerdings keine brauchbare Alternative anbieten kannst, war die Kritik berechtigt.

      Wenn ich mich nicht irre wurde nach der letzten Wiener Landtagswahl eine sehr ähnliche Berechnung angestellt.

      lg
      Sascha

    • Nun liebe Nattl, deine Alternative wäre, dass viele Referenden dann eben nicht entschieden würden.

      Vielleicht würden die Politiker dann aber mehr für ihre Ideen werben?

      Wie dem auch sei, ich finde es bedenklich wenn wahlberechtigte Staatsbürger ihrem Recht und meiner Meinung sogar ihrer Pflicht zur Wahl nicht nachkommen.

      Unsere Großväter hatten jene Wahl damals nicht was damit endete, dass Sie auf andere Menschen schiessen mussten.

      lg
      Sascha

    • Cher Nattl,

      In dieser Frage muß ich Ihnen ganz eindeutig zu Hilfe eilen: ein »demokratisches« System, welches ganz fundamentale Weichenstellungen über die Zukunft des gesamten Staatswesens (und das ist ein EU-Beitritt zweifellos) ins Belieben einer Minderheit stellt, ist eine Farce!

      Eine »Demokratie«, die unter dem Prätext des »jeder darf, keiner muß« (danke für die Formulierung, Herr Hofrat!) auch in solchen Fragen aus taktischem Kalkül der Herrschenden (die quasi auf eine »Wurschtigkeits-Entmutigung« ihrer Kritiker hoffen) ohne Wahlpflicht »entscheiden« läßt, ist in Wahrheit keine (mehr).

      Sicher, die Vorposter haben insofern schon recht, daß der Zwang, eine Stimme bei so einer Abstimmung nur als »ja« oder »nein« abgeben zu können, dem Wesen der Demokratie zuwiderläuft. Es muß also (und hier waren Wahlordnungen des früheren Ostblocks — wenn auch nur theoretisch, denn faktisch wurde öffentlich und mit 99,9% gewählt — vorbildlich zu nennen!) am besten explizit die Möglichkeit »keines davon« anzukreuzen bestehen (um eine Konfusion mit irgendwelchen geistig Minderbemittelten, die nicht einmal gültig abstimmen können, auszuschließen).

      Und bei funadamentalen Entscheidungen über die Zukunft eines Landes (wie: EU-Beitritt oder eine neue Verfassung) wäre wohl das Quorum mindestens bei einer absoluten Mehrheit der Stimmberechtigten anzusiedeln. Wenn die nicht erreicht wird, dann ist das eben bedauerlich, aber heißt einfach: bitte zurück zum Start.

      Und was die Wahlpflicht betrifft: sicher kann man in einer gefestigten direkten Demokratie wie der Schweiz, wo alljährlich viele allgemeine und lokale Referenden abgehalten werden, die Teilnahme daran in den meisten Fällen freigeben. Nicht aber generell und nicht für jede, auch noch so wichtige Frage!

      Ich bin nun wirklich kein Fan der »one-man-one-vote«-Sorte von Demokratie (auf meinem Blog habe ich mehrfach darüber geschrieben) — aber wenn man so ein System eben hat, dann soll man es auch adäquat nutzen. Fundamentalentscheidungen mit 48% Wahlbeteiligung würde ich dabei nicht als adäquate Nutzung bezeichnen.

    • Wäre also “Weniger als 15% der wahlberechtigten Kroaten stimmen gegen den EU-Beitritt!” deiner Meinung nach die korrektere, weil mathematisch deinem Beispiel folgende, Schlagzeile gewesen? ;)

    • Also ganz ehrlich. Jetzt liegst du meiner Ansicht ziemlich daneben. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern vor allem im Ton. Nimmt bitte zur Kenntnis, dass auch die meisten jener Menschen sinnerfassend lesen können, die nicht deine Meinung teilen. Und von Kindern brauch ich (und jeder andere hier) mir das Prozentrechnen nicht erklären lassen.

      So, jetzt zum inhaltlichen. Mir passt das Ergebnis nicht und schon gar nicht passt mir, wie es von den unreflektierten probürokratischen EU-Fetischisten dargestellt wird. Allerdings kann man aus einem Votum, bei dem deutlich mehr für den Beitritt stimmen als gegen den Beitritt auch nicht das Gegenteil machen. Es ist genauso wie der Hofrat gesagt hat:

      Demokratie = Jeder darf, keiner muss.

      Wer nicht hingeht ist nicht dagegen, sondern es is ihm/ihr wurscht. Und diejenigen, denen es wurscht ist, braucht man auch nicht für die Entscheidungsfindung berücksichtigen. Und wer ein Problem damit hat, dass es so vielen wurscht ist, soll sich für die Wahlbeteiligung engagieren, aber nicht am Ergebnis heruminterpretieren. Auch wenn man die Enthaltungen einbezieht, ändert das nichts am Ergebnis. Es sei denn, man stellt die Bedeutung derjenigen, die nicht abstimmen über die Bedeutung derjenigen, die abstimmen. Und damit wertet man die Enthaltung auf. Genau das hielte ich für völlig kontraproduktiv, wenn das Ziel lautet die Wahlbeteiligung zu heben.

      Wo kämen wir denn da hin, wenn sich jene Menschen, die von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebraucht machen von anderen überstimmen lassen, die es nicht der Mühe Wert finden ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen. “Politik is oasch und mir eh wurscht” ist in der Demokratie glücklicherweise eine geduldete Ansicht, deshalb aber noch lange kein sinnstiftender Beitrag zum System.


    Leave a reply